Beine, Beine, Beine

– Ein Erfahrungsbericht von Stefanie Neeb, Leiterin der Reha-Abteilung des Mercy Ships Deutschland e.V.

Im orthopädischen Programm behandeln wir Kinder, die entweder angeboren oder durch Mangelernährung oder einen Unfall in jeglicher Weise gebogene Knochen haben. Das können Klumpfüße sein, extreme O-oder X-Beine, oder ähnliches. Mit zum Teil sehr einfachen Operationen kann zumindest die Beinachse begradigt werden, sodass die Beine gerade aussehen und im weiteren Wachstum die Knochen ihre gebogene Form verlieren.

Die OP ist wie immer der kleinste Teil. Danach sind die Beine eingegipst und die Kinder müssen lernen, mit den Gipsen zu laufen, damit sie ihre Muskelkraft nicht verlieren, in den mindestens 6 Wochen, in denen sie einen Gips tragen, und damit die Knochen besser heilen. Und hier kommt das Rehateam ins Spiel. Wir holen die Kinder aus den Betten und „zwingen“ sie zu laufen. Wie man sich vorstellen kann, sind sie am Anfang nicht gerade begeistert. Alles ist verwirrend. Selbst so Kleinigkeiten wie, dass die Beine auf einmal weiß aussehen, kann beängstigend sein. Und dann wird man auch noch aufgefordert mit diesen Monstrositäten zu laufen. Der Gips ist schwer. Die Heilung erfolgt nicht ohne Schmerzen und kulturell bleibt man auch eher im Bett, bis man gesund ist.

Aber nach einigen Tagen füllen sich die Gänge mit Kindern, die auf ihren geraden Beinen herumstaksen und dabei mit ihren Gehböcken und Krücken ganz schön Krach machen. Und wenn man sie dann drei Wochen später sieht, kommen sie einem mit eingegipsten Beinen entgegen gelaufen! Manche spielen sogar Fußball. Das ist nicht unbedingt empfehlenswert von uns aus, aber Kinder sind einfach nicht zu bremsen und finden sich so viel schneller mit Umständen ab, als wir Erwachsenen.


Dann wird es noch einmal fies

Nach drei Wochen wird der Gips gewechselt, und anders als unsere Klumpfußkinder, die wahre Gipswechselspezialisten sind, haben die anderen Kinder die Gipssäge noch nicht so intensiv kennengelernt. Da kann man soviel erklären und zeigen wie man will, manche Kinder glauben, dass wir ihnen die Beine absägen. Dann entfernen wir auch noch die Klammern, die den OP -Schnitt zusammenhalten, und das kann ganz schon ziepen. Emotional gibt es hier in Benin gefühlt ganze zwei Gefühle im Rehazelt. Entweder man hat Spaß und lacht, oder man glaubt einem wird etwas Fürchterliches angetan und man schreit so laut man kann (manchmal wünschte ich, ich hätte Oropax im Zelt). Aber bisher haben wir noch alle Gipse wechseln können, ohne ein Bein abzuschneiden und die Klammern sind auch alle raus.

Dann bekommen die Kinder einen neuen Gips und verlassen erstaunlich glücklich und freundlich das Zelt. Drei oder vier Wochen später kommen sie wieder. Und jetzt wird es spannend. Sind die Knochen genug verheilt, dass wir den Gips abnehmen können, oder muss ein weiterer Gips her. Generell brauchen die älteren Kinder deutlich länger, aber auch Ernährung spielt eine Rolle bei der Heilung. Gerade befinden wir uns in der Phase, wo schon viele Kinder zur Physiotherapie kommen. Die Gipse sind ab, und die Kinder müssen lernen, wieder normal zu laufen. Die Knie sind steif und es sind viele Übungen und unsere Kreativität gefragt, um sie wieder zu beugen. Außerdem fehlt es an Muskelkraft und Balance. Das Zelt ähnelt zum Teil einem Tollhaus mit lauter Kindern, die Kniebeugen machen, über einen Barren balancieren und Treppenstufen rauf und runter steigen. Dazu kommen die Eltern, die Geschwister und oft genug auch unser Journalistenteam, die natürlich gerne Fotos von diesem wunderbaren Wahnsinn machen.


Abschied nehmen

Diese Woche konnten wir unseren ersten Patienten entlassen und die nächsten Wochen werden wir uns nach und nach von unseren Orthokids verabschieden und sie mit geraden Beinen in einen neues Leben laufen lassen.Andere werden uns etwas länger begleiten, weil die Knochen langsamer heilen und die Knie besonders steif sind. Eine meiner liebsten Patienten ist Miracle (Wunder). Ihre Mutter hat sie so genannt, weil sie eigentlich keine Kinder bekommen konnte und dann kam dieses wunderbare kleine Mädchen zur Welt. Miracle ist unglaublich klein und zart und ich könnte sie jedes Mal nehmen und in meine Tasche stecken, so süß ist sie. Anders als viele andere, war sie von Anfang an ziemlich unbeeindruckt von unseren „Quälereien“. Als meine Kollegin sie nach der OP hinstellte, nahm sie sich den Gehbock und marschierte los. Sie vergoss keine einzige Träne beim Gipswechseln und schaute sich stattdessen ein Buch an und nun macht sie ihre Übungen, schaut immer wieder zu Rima unserer Day Crew, um sich zu vergewissern, dass sie auch alles richtig macht. Ich befürchte nächste Woche heißt es Abschied nehmen von diesem zarten drejährigen Mädchen, die den anderen zeigt wo es langgeht.
Stefanie Neeb, Mercy Ships Deutschland e.V.

Stefanie Neeb

Ein Erfahrungsbericht von Stefanie Neeb, Leiterin der Reha-Abteilung des Mercy Ships Deutschland e.V.
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